Arbeiter mit PCB belastet: Grüne kritisieren Umweltskandal

dpa vom 28.06.2010

Die dramatisch überhöhten PCB-Werte im Blut von Mitarbeitern einer Dortmunder Entsorgungsfirma werden zum Skandal. Die Grünen wollen ein mögliches «Prüfversagen» des CDU-geführten Umweltministeriums untersuchen, die Aufsichtsbehörde hat Anzeige wegen Körperverletzung erstattet.

Die stark erhöhten PCB-Werte im Blut  von Mitarbeitern der Dortmunder  Entsorgungsfirma Envio haben Kritik  an den Aufsichtsbehörden laut werden lassen. Die Grünen-  Landesvorsitzende Daniela Schneckenburger sprach von «einem der größten Umweltskandale der vergangenen Jahre». Es stelle sich die Frage, ob der Personalabbau in der Umweltverwaltung in den vergangenen Jahren unter CDU-Minister Uhlenberg mitverantwortlich  sei, sagte Schneckenburger der dpa. «Die Frage ist: Gibt es da ein
Prüfungsversagen des Umweltministeriums beziehungsweise seiner Behörden.» Die Grünen würden dies über eine Kleine Anfrage an den  Landtag klären lassen.

Der als krebserregend geltende Stoff war in einer nur für gereinigte Materialien  zugelassenen Halle des Trafo-Entsorgers entdeckt worden. Daraufhin wurde das Blut von 37 Mitarbeitern untersucht. Einer der Männer hatte mit 225 Milligramm PCB pro Liter
Blut eine 25.000 Mal höhere Belastung als der Durchschnitt der Bevölkerung. Der Betrieb war vor Wochen von der Arnsberger Bezirksregierung bis auf weiteres stillgelegt worden. «Wir haben Anzeige gegen wegen fahrlässiger oder vorsätzlicher Körperverletzung
erstattet», sagte Jörg Linden, Sprecher der Arnsberger Bezirksregierung am Montag.

Die SPD-Landtagsfraktion sprach von einer Katastrophe, «die ein noch schlimmeres Ausmaß angenommen hat, als wir bisher befürchtet haben.» Der Arnsberger Regierungspräsident Helmut Diegel (CDU) müsse erklären, warum er trotz früherer Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei der Entsorgung von mit PCB belasteten Transformatoren erst so spät aktiv wurde. «Die Vermutung liegt nahe, dass die Bezirksregierung – wenn überhaupt – nur mangelhaft kontrolliert hat», teilte die  umweltpolitische Sprecherin der Landtags-SPD, Svenja Schulze am Montag mit.

Das Unternehmen hatte sich am Samstag «tief erschüttert und ebenso überrascht» über die Funde gezeigt. Die bisherigen Vorsorgeuntersuchungen hätten «nie Hinweise auf irgendwelche erhöhten PCB-Konzentrationen im Blut unserer Beschäftigten» ergeben, erklärte Geschäftsführer Dirk Neupert. Das Unternehmen werde sich bemühen, «den Sachverhalt umfassend aufzuklären». Diese Äußerungen  bezeichneten die Dortmunder Grünen am Montag als «zynisch». Interne Protokolle legten nahe, dass Neupert «alle Schlampereien und Missstände billigend in Kauf genommen hat.»

Die Staatsanwaltschaft in Dortmund ermittelt bereits gegen das Unternehmen wegen des Verdachtes der Luft- und Bodenverunreinigung. Der Fund von PCB-belastetem Material in der nur für aufbereitete Materialien reservierten Halle hatte die Gesundheitsuntersuchungen ins Rollen gebracht. Später wurden auch auf dem Freigelände der Firma erhöhte PCB-Konzentrationen festgestellt. Daraufhin wurde der Betrieb
komplett stillgelegt, sagte Linden.

Neben der Untersuchung des Blutes der Envio-Mitarbeiter werden auch noch rund 300 Blutproben von Arbeitern anderer Unternehmen untersucht, die auf dem Envio-Gelände als Untermieter ansässig sind. Erst dann lasse sich abschätzen, ob noch weiterreichende
Untersuchungen nötig sind, sagte Linden. Die Envio-Arbeiter wurden am Samstag über die zum Teil dramatisch erhöhten Werte informiert. Laut Linden gab es auf der Betriebsversammlung keine lauten Töne: «Ganz im Gegenteil: Es herrschte zunächst Schockstille.»

Die betroffenen Arbeiter des Unternehmens, das unter anderem mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) belastete Transformatoren entsorgt, sollen nach Auskunft der Bezirksregierung in den kommenden Jahren weiter untersucht und begleitet werden. Bisher gebe es aber bei keinem der Männer Anzeichen einer Krebserkrankung.

Bislang sei wenig über den seit 1989 in Deutschland verbotenen Giftstoff bekannt. Eine spätere Gesundheitsschädigung der Arbeiter sei aber aufgrund der drastisch erhöhten Werte keinesfalls auszuschließen. Dazu komme bei den Arbeitern die psychiologische
Komponente: «Die wissen, sie haben das im Körper und es baut sich nur sehr langsam ab. Und damit müssen sie nun leben», sagte Linden.

Die Dortmunder Grünen forderten die Einrichtung einer kommunalen Anlaufstelle für die Betroffenen: «Sie brauchen Gesundheitsberatung, Gesundheitschecks, psychologische Beratung und rechtlichen Beistand, um gegebenenfalls gegen Envio vorgehen zu können.»

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